Allgemein, Sozialpsychologie

Der Hass als Leitstern

Zur Genese des Rechtsterrorismus. Eine Skizze

 

Der Wahn des einzelnen ist nur pathologisch oder kriminell, aber sieben von ihm Befallene gründen einen Verein, und im schlimmsten Fall bedrohen sie die Gesellschaft in der Überzeugung, die Wahrheit und das Recht zu besitzen.

Martin Gregor-Dellin im Vorwort zu: Carl Christian Bry „Verkappte Religionen“

 

Die rechtsradikalen Täter der jüngsten Vergangenheit, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren entschiedene Überzeugungstäter. Um Menschen reihenweise zu töten (und sich auch noch im Recht zu fühlen), braucht es eine zweifelsfreie Überzeugung. Zweifelsfreiheit wird von der rechten Ideologie geliefert. Die absolute Sicherheit, mit der die Rechten den allergrößten Schwachsinn verbreiten, hat darum Erfolg, weil ihre Ideologie nicht den geistigen Menschen zum Ziel hat, sondern die Gefühle der Menschen.

Wenn also mehr oder weniger aufgewärmter Nationalsozialismus verkündet wird, ist die Überzeugung, die Gewissheit von der Richtigkeit der Sache wichtiger, als ihr tatsächlicher Inhalt und dessen Substanz.

  • Rechtsradikalismus zeichnet sich durch Überführung von Unsicherheit in Zweifelsfreiheit aus!

Das ist gerade in Zeiten von Unsicherheit besonders anziehend. Der verunsicherte Mensch findet den zweifelsfreien Menschen attraktiv, weil jener etwas hat, wonach sich der andere sehnt. Das Schlimme an der Attraktivität der Zweifelsfreiheit ist, dass es nicht auf die Inhalte der Äußerungen ankommt, sondern auf die vermeintliche psychologische Sicherheit, die der Zweifelsfreie zu besitzen scheint.

Der Soziologe Zygmunt Bauman hat in seinem zentralen Werk „Moderne und Ambivalenz“ darauf hingewiesen, dass Ambivalenz, d.h. Doppel- und Mehrdeutigkeit, der Sehnsucht des Menschen nach Ordnung zuwiderläuft.

Der Sehnsucht nach Eindeutigkeit entspricht das rechtsradikale Denken in der Eindeutigkeit seiner Aussagen und Schuldzuweisungen. Ausländer, Juden, Demokraten, Intellektuelle und Linke sind die klassischen Schuldigen der rechten Szene. Auf diese „Schuldigen“ werden alle Mißstände der Gesellschaft projiziert. Damit stellen die Rechten in Aussicht, dass mit dem „Verschwinden“ der „Schuldigen“ die Mißstände einer Gesellschaft gelöst werden. Dazu braucht es in ihrer Denkweise eine Diktatur.

 

  • im Rechtsradikalismus werden komplizierte Zusammenhänge vereinfacht,  personalisiert und projiziert

 

Auch hier zeigt sich die starke Tendenz, Ambivalenzen in einfache und einleuchtende Banalisierungen aufzulösen. Individuelle Ohnmacht gegenüber verunsichernden gesellschaftlichen Veränderungen werden in Allwissenheit überführt und aufgelöst. Arbeitslosigkeit liegt an der Konkurrenz der Ausländer, finanzielle Not liegt an der „Gier der Juden“, Tatenlosigkeit liegt an der „Geschwätzigkeit des Parlaments“ und Intellektuelle „zersetzen die Gesellschaft durch Kritik“.

Das Auffällige am Rechtsradikalismus ist seine gedankliche Orientierung am Hass, an der Destruktivität.

Ohnmachtsgefühle, so sagte Erich Fromm, schlagen um in Allmachtsphantasien. Keine Ohnmacht ohne die Sehnsucht nach Allmacht. Jeder, der schon einmal geschlagen wurde, weiß, wie er oder sie auf diese Ohnmacht reagierte – man malt sich aus, wie man sich rächt.

Während der einzelne Hassende nur pathologisch oder kriminell ist, wie im Motto von oben Gregor-Dellin schreibt, ist der hassende Mensch durch die Anpassung an rechtes Gedankengut zumindest für diese Gruppen zum sozialen Mitglied einer Gemeinschaft geworden. Allerdings muss der Hass sich dem Denkgefüge der Rechten anpassen und in dieser Weise sublimiert werden.

Der Hass verliert seine Beliebigkeit, er kann seinen Ursprung in der individuellen Lebensgeschichte des einzelnen ebenso haben, wie in unreflektierten gesellschaftlichen Problemstellungen. Er ist jetzt nicht mehr nebulös, richtungslos und ohnmächtig, und er wird durch die rechte Ideologie auch nicht auf seine reale Ursache hin reflektiert, sondern er erhält gewissermaßen seine Richtung aus der Konservenbüchse rechtsradikaler Denkschemen.

 

  • rechte Ideologie kultiviert Hass, indem sie ihm Sinn, Rechtfertigung und Richtung gibt

 

Rechte Ideologie ist nun gewissermaßen die passgenaue theoretische Mütze des Hasses und anderer düsterer Emotionen. Sie ist Geist, der sich ganz ans unreflektierte Gefühl anschmiegt. Zwar Produkt des Geistes, doch Sklave der unbewussten Emotion.

Neid und Angst vor der Konkurrenz um die Futtertröge machen sich Luft in aggressiver Ausländerfeindlichkeit. Rassismus führt zur Aufwertung des Einzelnen durch die Zugehörigkeit zu einer „höheren Rasse“ und vermittelt denen Selbstbewusstsein, die sich minderwertig fühlen. Das Bedrohungsszenario der „Überfremdung“ spricht direkt die Ängste vor Kontrollverlust an und zeigt auch hier sofort die einfache Lösung. Antikapitalistische Ressentiments werden ebenso bedient, wie sexuelle Verunsicherung sich ihr Mütchen durch eindeutige Ablehnung Homosexueller abkühlt.

Theorie im besten Sinne ist der geistige Versuch, die Welt möglichst real zu verstehen, während der Rechtsradikalismus den Versuch bildet, blinden Gefühlen einen rationalen Ausdruck zu verleihen. Zudem bietet er den emotional Blinden Heimat, Familie und Freundschaft, wo der Einzelne heute einsam und relativ isoliert ist.

Gesellschaftliche Lösungen im rechten Gewand bestehen v.a. in der Idee von Exklusivität der Nation und ihrer Bewohner. Ob nun der Arier vergangener Zeiten oder der Deutsche von heute, alle nicht Dazugehörigen sollen ausgeschlossen werden. Die Rechte orientiert sich in ihrem Weltbild am Egozentrismus des Einzelnen und überträgt ihn auf die Nation. Dem Ich entspricht der Führer, der Deutsche, selbst die Nation. Die Verherrlichung des Führers, der Deutschen, der Nation ist projizierte Selbstverherrlichung.

Das aufgeblähte Ich platzt bei der Betrachtung der Realität. Handelt es sich doch bei den Rechtsradikalen um banale Schläger, Romantiker der NS-Diktatur, Frauen- und Ausländerhasser und mordlustige Antisemiten, die politisches Schmierentheater spielen.

 

  • Rechtes Denken überträgt das Ich auf  Führer, Nation und Welt

 

So, wie das kindliche Ich sich als Nabel der Welt denkt, so denken die Rechten sich die Deutschen als Zentrum der Welt. Alle anderen Nationen dienen letztlich nur der Verwirklichung des Deutschen. Eine Einfühlung in andere findet nicht statt. Die Anderen sind die Fremden. Das Ich ist gut, alles andere ist fremd und böse oder wird in den Dienst des Ich gestellt. Ziel ist letztlich das verwirklichte Ich, dem alle und alles dienen. Psychologisch wird so eine Denkweise als Narzismus bezeichnet.

 

  • rechtes Denken will sich die Welt einverleiben und absolute Kontrolle zu erreichen

 

Nun ist die Realität kein Wunschkonzert. Und es ist ein ganz normaler Entwicklungsschritt des Menschen, dass er irgendwann begreift, dass das Leben nicht immer nach den eigenen Wünschen oder dem eignen Willen verläuft. Normlerweise wird als seelischer Entwicklungsschritt irgendwann dem DU eine Existenzberechtigung eingeräumt. Diese Erkenntnis scheint im rechten Denken nur marginal entwickelt zu sein.

So sind damit zusammenhängende Erkenntnisschritte, wie Gleichberechtigung, Emmanzipation der Frau, gegenseitige Achtung nationaler Souveränität, zwischenmenschlicher Respekt etc. die eigentlichen Hassobjekte der Rechten.

Indem sie alles Missachten, was heute als großer sozialer Fortschritt allgemein geachtet ist – die Überwindung von Adelsherrschaft, Diktatur, Rassismus, Unterjochung von Frauen und Kindern, ökonomische Ausbeutung des Menschen etc. –  spielen sie sich trotzig als heldenhafte Querdenker auf, die den Mut haben, die Diktatur als heimelig-fröhliches Gemeinwesen zu denken.

Die Rechten möchten alles um sie herum beherrschen. Man könnte Rechtsradikalismus als nach außen gewendeten Kontrollzwang bezeichnen, den sie mit aller Gewalt durchsetzen wollen.

 

  • im rechten Denken ist die Sehnsucht nach Beherrschung  eine fixe Idee

 

Rechtsradikale sehen sich als Kämpfer gegen alle Mißstände der Welt. Wo andere erstarren, handeln sie oder geben vor, zu handeln. Dem Gefühl der individuellen Bedrohung, das in Krisenzeiten allgegenwärtig ist, begegnen sie mit Machtphantasien.

„Wir haben euch was mitgebracht, Hass, Hass, Hass!“ (Rechter Demonstrationsspruch)

 

Hass ist dieBezeichnung für einen Überschuss an destruktiver Energie. Zunächst einmal ist er einfach nur ein Überschuss an Energie. Die Neigung zur Destruktivität verweist auf eine massive Personlichkeitsstörung im Umgang mit Aggressivität.

Die Gewaltbereitschaft der Rechten will ja Furcht einflösend sein, die ganze Nazisymbolik ist Tabubruch und Provokation in einem.

Nichtige Menschen machen sich wichtig. Hakenkreuze, Springerstiefel, Totenkopfsymbolik und Tatoos verbreiten Angst und Schrecken. Gewaltbereitschaft verschafft sich Repekt und Achtung.

Die traurige Gewissheit heute ist, dass das rechtsterroristische Trio im Sinne rechter Ideologie gehandelt hat. Gewiss ist auch, dass sie im Grunde nichts erreicht haben, außer andere und sich selbst zu zerstören und dass sie für die einen zum Märtyrer und für die anderen zu gemeinen Mördern geworden sind.

Mitleid war kein Begriff in ihrem Vokabular, Skrupel kannten sie nicht, sie handelten, wo andere quatschten, und die Richtung gab ihnen ihre Ideologie vor:

 

  • der Mord an Ausländern, die Eliminierung des Fremden ist das Programm der Rechten und Mord ist längst zum geheiligten Mittel der deutschen Rechten geworden

 

Für die Aggressionsstörung innerhalb der rechtsradikalen Szene gibt es aber auch gesellschaftliche Gründe. Der Rechtsradikalismus speist sich aus der Mitte der Gesellschaft.

 

  • Eine Gesellschaft, die Arbeitslose erzeugt und ihnen dann noch die Schuld für ihre Situation zuweist, erweist sich selbst als asozial und gewalttätig.

 

Arbeitslose werden stigmatisiert, von Ämtern schikaniert und massiv unter Druck gesetzt.

Menschen in Deutschland können von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Ausländer werden auch von der Politik als „Problem“ thematisiert. Immer wieder greifen auch die gemäßigten Parteien in die Themenlisten der Extremen.

Insofern ist unsere Gesellschaft an der Erzeugung von Hass beteiligt.

Wenn Politik die Bindung an die Problemstellungen der Bürger verliert, zunehmend zum verlängerten Arm der ökonomisch Mächtigen wird, entsteht zwangsläufig Opposition.

Da Politik auf Demonstrationen, d.h. auf die demokratisch legitimierte Form von Protest kaum noch durch Änderung ihrer Politik reagiert, ist der strukturell vorgesehene Weg des politischen Dialogs zwischen der Politik und dem Bürger zur rituellen Handlung verkümmert.

 

  • die Arroganz und Dialogunfähigkeit der Politik erzeugt Ohnmachtsgefühle, die nicht nur bei Rechtsradikalen Allmachtsphantasien speisen

 

Ob Wahlmüdigkeit, jahrelange Proteste gegen Atomkraft und Atommüllendlager, niedergeknüppelte Bürger bei Stuttgart21-protesten, Steuerverschwendungen und Schwarzgeldtransfers zwischen Wirtschaft und Parteien – die Politik zeigt sich seit Jahren resistent gegenüber den Meinungen ihrer Bürgern und ist zu einem guten Teil selbst Ursache einer wachsenden Unzufriedenheit unter den Bürgern.

Längst zeichnen sich strukturelle Schwächen des demokratischen Systems ab, die die Machtverhältnisse innerhalb des Systems betreffen. Die politischen Machtverhältnisse sind im Reformstau steckengeblieben.

 

  • Demokratie erweist sich, was ihre politische Struktur anbelangt, als weitgehend reformunfähig

 

Der politische Bürger hat sich in den Jahren der Bundesrepublik emmanzipiert und die Regierungen sind nur mäßig daran gewachsen. Aber eine Veränderung des Bürgers bedarf auch einer Veränderung der politischen Machtverhältnisse hin zu mehr Verantwortung und Kontrollmöglichkeiten der Politik durch den Bürger!

Foto: Michael-Werner-Nickel / https://www.pixelio.de

letzte kleinere Korrekturen: 24.03.2018 15.46