Allgemein, Sozialpsychologie

Rücksichtslosigkeit vs. Solidarität

Wie Menschlichkeit im Neoliberalismus ver-elendet

 

Immer dreister greift ein in die Defensive geratener Kapitalismus in die Kasse der Staaten und die Rechte der Bürger, um sein Überleben zu sichern. Humanität gerät im zunehmend fanatisch wirkenden Finanzkapitalismus zur reinen Nebensache, die zwar als Feigenblatt sinnvoll ist, das Geschäft aber stört.
Zu Beginn der industriellen Revolution dachte man die Technik noch im Dienste der humanen Weiterentwicklung der Menschheit. Damals war die Beseitigung des weltweiten Hungers beispielsweise noch ein humanitärer Traum, der heute, bei viel stärkerer ökonomischer Leistungsfähigkeit, längst aufgegeben ist.

Wen interessiert das Leid der anderen?
Humanität und Egoismus scheinen sich wie die Wellen im Kapitalismus in ständiger Auseinandersetzung abzulösen. Im 18. Jahrhundert, erlebte beispielsweise das Streben nach Menschlichkeit im sogenannten Neuhumanismus seine zweite große Phase nach dem mittelalterlichen Renaissance-Humanismus.

 

 

Was versteht man unter Humanismus?

 

„Der Gedanke der Humanität umfasst die prinzipielle Gleichheit aller Menschen jeder Herkunft und jeden Geschlechtes, die allgemeine Menschenwürde und den Pazifismus (die Ablehnung des Angriffskrieges). Im weiteren Sinn beinhaltet Humanität auch religiöse und politische Toleranz und Achtung vor dem Mitmenschen und seinen Überzeugungen, im weiteren Sinn dann übertragen auch auf die menschliche Achtung vor Tieren und den menschenwürdigen, achtsamen und schützenden Umgang mit der Natur im Allgemeinen.“
(Quelle: Wikipedia)

 

Messen wir einen „Arbeitgeber“ daran, so können wir erahnen, wie weit wir im Arbeitsleben von einem Wert wie Achtung des Mitmenschen  entfernt sind. Wer einem Arbeitnehmer einen Lohn anbieten kann, von dem dieser nicht leben kann, ist längst auf der Seite der Unmenschlichkeit angelangt und fühlt sich wohl dabei, denn er wird reicher.

 

Der Kapitalismus, auch mit all seinen sozialen Komponenten, erzieht zur Skrupellosigkeit! Die Rücksichtslosen haben bessere Chancen reich zu werden. Menschlichkeit ist der Verlierer.

 

Das ist auf der Seite der Arbeitnehmer nicht viel anders. Wo Arbeit knapp ist, setzen sich Charakterzüge durch, die sich durch kriecherische Anpassung an die Vorgesetzten und unter den Kollegen durch ängstliche Passivität, Heuchelei und Mobbing auszeichnen. Das Verhalten der „Arbeitgeber“ spiegelt sich im „Arbeitnehmer“ wieder: Rücksichtslosigkeit und Konkurrenzverhalten.

 

Allgemeine Rücksichtslosigkeit wird so zum „Erfolgsmodell“ der Gesellschaften. Kapitalismus lebt von Expansion. Gibt es keine ökonomischen Märkte mehr, in die er expandieren kann, entdeckt er den Staat und die Rechte der Bürger als weitere Felder der Expansion. Die Wirtschaftseliten drohen mit dem Exodus, bekommen sie die Rechte der Arbeiterschaft nicht geschenkt. Der Kapitalismus saniert sich, indem er seine Konkurrenzfähigkeit bzw. seinen drohenden Bankrott mit dem sinkenden Konto seiner Arbeiter und den Steuergeldern der Staatsbürger aufpoliert.

 

Der soziale Klebstoff, die Solidarität, befindet sich in solchen Drucksituationen stets im freien Fall.

„Humanität und das Konzept der Solidarität führt zum Begriff der Hilfsbereitschaft und deren Umsetzung als Hilfe…“ (Quelle: Wikipedia)

 

Gerade dann, wenn die Gesellschaft in schwierige ökonomische Lagen kommt, versagt diese Hilfsbereitschaft und der Egoismus nimmt zu. In der Not wird der Mensch kopflos und konkurrenzorientiert. Ebenso wie der Sozialstaat sich dann auflöst, wenn er am dringendsten benötigt wird, versagt in uns Menschen der Impuls zu helfen.

 

Zumindest vorläufig. In der Not menschlich zu sein, muß erst wieder erlernt werden. Solidarisches Verhalten ist das Ergebnis eines Lernprozesses, den jeder durchlaufen muss, hat er es nicht schon irgendwo erworben.

 

Johann Gottfried Herder sagte, dass die Bildung zur Menschlichkeit ein Werk [sei], das unablässig fortgesetzt werden muß, oder wir sinken [] zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück.

(Quelle: Wikipedia)

 

Siehe den deutschen Nationalsozialismus. Der Faschismus ist die letzte Konsequenz des Zerfalls der Menschlichkeit. Der bestialisierte Egoismus, die radikalisierte Konkurrenz. Alles Deutsche wird derart überhöht, dass man hieraus die Minderwertigkeit aller anderen ableitet und damit ihre Ausbeutbarkeit begründet. Schon Aristoteles  erklärte den Sklaven zum Ding, versagte ihm jegliche menschliche Eigenschaften und beraubte ihn damit aller Rechte.

 

Je mehr sich die Skrupellosigkeit in einer Gesellschaft durchsetzt, steigt die Gefahr ihrer Faschisierung. Der Mensch wird zum Egoist unter Egoisten. Diejenigen Egoisten, die reich werden unter diesen Bedingungen, erklären sich zu „Leistungsträgern“ und verklären damit, dass ihr Reichtum nicht auf  Leistung, sondern auf guten Bedingungen für Rücksichtslosigkeit und Ausbeutung beruht. Diese wurden von Politikern geschaffen, Menschen, die wir gewählt haben und die unsere Menschenrechte an Wirtschaftsfunktionäre und Lobbyisten verhökert haben.

 

Es reicht! Wir dürfen uns nicht weiter diese Bedingungen zur Rücksichtslosigkeit aufzwingen lassen. Im Moment verhalten wir Bürger uns wie ein Stier (DENN WIR SIND ZUSAMMEN MÄCHTIG!), der am Ring durch die Manege geführt wird. Während unglaubliche Summen in den Bankensektor transferiert wurden, wurden unsere Arbeitrechte, unsere Sozialsysteme, unsere Rechte als Konsumenten, die Rechte auf saubere Luft und intakte Natur zugunsten ausbeuterischer Gewinnmaximierung zusammengestrichen, sodass sich für einen wachsenden Teil unserer Mitmenschen Leistung überhaupt nicht mehr lohnt. Im Gegenteil, diese Menschen können arbeiten soviel sie wollen, sie kommen aus dem Elend nicht mehr heraus!

 

Solidarisieren wir uns. Den Kampf muss jeder einzelne heute beginnen!

 

Foto: Von HaeferlEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link