Sozialpsychologie

Der Hass des Anders Breivik

Oder: Warum Kritik für jeden wichtig ist

Im Zusammenhang mit der kaltblütigen Durchführung des Massenmords von Breivik wird psychologisch betrachtet von „kalter Aggression“ gesprochen. Über eine Stunde läuft ein Mensch über eine kleine Insel und tötet einen Jugendlichen nach dem anderen.
Während die Abstufungen vom Ärger bis zum Hass als Gefühle wachsender Intensität bewusst sein können, kann massive Aggression auch unter Abspaltung des Gefühls ausgeübt werden. Die Aggression wird nicht als solche erlebt, sondern als vermeintliche Notwendigkeit rationalisiert.

Die Palette der Taten reicht dabei von der Vollstreckung banaler Verwaltungsverschriften bis zur Vernichtung ganzer Völker im Auftrag heilsversprechender Ideologien.“ (Quelle: http://seele-und-gesundheit.de/psycho/aggression.html)
Die Abspaltung jeglichen Gefühls vom brutalen aber rational durchgeführtem Handeln ist der Kern der „kalten Aggression“. Sofort fällt die Verwandschaft zum nationalsozialistischen Massenmord an den Juden ins Auge. Auch da wurde relativ emotionslos gemordet und die Täter verwiesen später immer wieder auf Befehle, denen sie sich nicht widersetzen konnten.

Immer wieder treffen wir in solchen Mordsituationen auf Menschen, denen es leicht zu fallen scheint, ihre Gefühle faßt vollständig auszublenden und wir müssen uns fragen, ob das Ausblenden von Gefühlen nicht zu unserem alltäglichen Handeln dazu gehört. Müssen wir nicht Tag für Tag, Nachricht für Nachricht ständig Emotionslosigkeit trainieren, wo wir doch ständig mit Nachrichten konfrontiert sind, die zu sofortigem Handeln führen müssten, würden wir sie emotional begreifen? Hungerskatastrophen, Kriege, Ungerechtigkeiten, Betrügereien, Kindesmissbräuche, Vergewaltigungen lassen sich ja nur durch Abspaltung der Gefühle überhaupt noch ertragen und somit wird Abspaltung zu einem Teil unserer Informationsgesellschaft.
Was nicht heißen soll, dass wir alle potentielle Amokläufer sind, doch eine gewisse Basis zum Verständnis des Amoklaufs ergibt sich aus dieser Überlegung durchaus. Beim Amokläufer scheint die Abspaltung der Gefühle nur extremer als bei uns zu sein.
Wie geht der „normale“ Mensch mit Informationen, die seine Emotionen erregen um und wodurch unterscheiden wir uns vom Amokläufer? Amokläufer werden häufig als unauffällige Menschen beschrieben, die sehr zurückgezogen in relativer Isolation leben. Einsame Menschen also, die ihre Gedanken isoliert „spinnen“ können, Gedanken, denen das korrektiv der Kritik anderer Menschen fehlt!

Kritik ist also nicht, wie viele Menschen leider immer noch meinen, einfach nur die kranke Ausgeburt ewiger Nörgler, sondern ein wesentlicher Aspekt psychischer Gesundheit, das uns davor bewahrt, „verrückt“ zu werden. Kritik zwingt uns dazu, uns mit Ansichten anderer auseinander zu setzen und unser Bild von der Welt stets aufs neue zu korrigiren. Kritik ist ein wesentliches Korrektiv hin zur Realität von der der isolierte Mensch immer weiter abdriftet. Erich Fromm definierte Wahnsinn quasi als einen isolierten, menschlichen Geist.

 

Der Artikel stammt aus dem Jahr 2011